Sachbücher / Politik
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Zwischen Rom und Mekka

Autor(en): Heinz-Joachim Fischer
Verlag: C. Bertelsmann
Preis: 21.95
ISBN: 978-3-570-01077-8
Erschienen: April 2009

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 2 von 5 Sternen

Buchauszug:

Jesus und Mohammed Betrüger?

Mich persönlich interessierte das Thema, das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft, gipfelnd in der Frage nach der Echtheit der Offenbarung Gottes, seit jeher brennend. Meine Philosophie- und Theologiestudien hatte ich mit einer religionsphilosophischen Arbeit genau darüber beendet. Deren etwas komplizierter Titel lautete: "Die Auflösung des Begriffes der Offenbarung bei Ludwig Feuerbach (1804-1872) als Negation deutscher Religionsphilosophie". Kurz gesagt ging es darum, ob eine "Offenbarung" Gottes an den Menschen möglich ist. Ob Jesus Christus oder Mohammed Betrüger sind. Ob beide Träger von Offenbarung(en) sein können. Oder nur der eine oder nur den andere ein Scharlatan ist. Und ob die Vernunft darüber zu einem gültigen Urteil kommen kann oder von vornherein etwas Göttliches - weil vernunftwidrig - ausschließen kann. Das waren damals (1973) noch sehr theoretische Fragen, bei denen der Prophet Mohammed als Begrüder des Islam nur implizit gemeint war. Heute sind es weltpolitisch entscheidende Fragen, weil sich daran die Anhänger vonzwei Weltreligionen mit einer Milliardengemeinde scheiden und darüber zwei Kulturen aufeinanderprallen können.

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 14.04.2009
Buch-Bewertung: Bewertung: 2 von 5 Sternen
Papst Benedikt XVI. traf nicht nur einen Nerv, sondern ein ganzes Bündel von Schmerzrezeptoren, als er im Jahr 2006 bei seiner Vorlesung in der Aula Magna der Regensburger Uni einen längst vergessenen christlichen Kaiser zitierte. Der hieß Manuel, lebte vor 600 Jahre in Konstantinopel und forderte von einem islamischen Perser:

"Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Die islamische Welt schrie empört auf, und der Westen fragte sich: Wie konnte ein so kluger Papst wie der renommierte Theologe Josef Ratzinger übersehen, welches Wutecho er heute auf dieses uralte Zitat ernten musste? Heinz-Joachim Fischer erklärt es in seinem hochinformativen, aber leicht zu lesenden Buch über das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Islam mit der Jahrhunderte alten Bewunderung des Westens für sich selbst, für seine Aufklärungsleistung, seine Wissenschaft, seine politischen Erfolge.

Fischer, selbst Theologe, außerdem langjähriger Vatikan-Korrespondent der FAZ, Biograph von Benedikt XVI. und Herausgeber der "Bibliothek verbotener Bücher" (Werke der Weltliteratur, deren Lektüre braven Katholiken von der Zensurbehörde des Vatikans verboten worden waren), sagt das nicht explizit, aber für mich ist das die Quintessenz seinen klugen Buches:

Die Päpste sahen sich als Beherrscher der Seelen, weltweit. Zwar haben sie inzwischen das Recht des Einzelnen auf eine freie Wahl seines Glaubens zugestanden - ein wirklich bewunderswerte Einsicht für eine Institution, die sich zwei Jahrtausende lang für allein seelig machend, für die einzig wahre "Kirche" hielt und das heute, mit neuen theologischen Begründungen, immer noch tut -, aber der Islam interessierte sie nicht sehr. Die Päste intensivierten im späten 20. Jahrhundert die Kontakte mit islamischen Würdenträgern, aber den drohenden "Clash of Zivilisations" nahmen sie trotzdem nicht wirklich zur Kenntnis. Benedikt XVI. bekam ihn hautnah zu spüren und bemüht sich seitdem intensiv auch um jene, die Mohammed für unvergleichlich viel wichtiger halten als Jesus.

"Zwischen Mekka und Rom" gab es immer Probleme. Fischer schildert  das sehr lebendig und eindringlich - die schnelle Eroberung Nordafrikas und Spaniens durch die Anhänger der neuen Religion, die Bedrohung Frankreichs in dem Jahrhundert nach dem Tod des Propheten, die Plünderung der römischen Bischofskirchen durch die sogenannten Sarazenen nicht lange nach dem Tod Karls des Großen, die Besetzung Konstantinopels durch die (damals schon lange) islamischen Türken im 15. Jahrhundert, der Kampf um Wien im 17., den ein Polenkönig für den Westen entschied (weshalb die Polen ihn heute noch feiern). Der Schwerpunkt des Fischer-Buches liegt jedoch bei den Päpsten unserer Zeit und besonders bei Bendikt.

Das macht diesen historischen Rückblick so spannend. Fischer, der mit leichter Hand persönliche Erlebnisse mit seinen klugen Interpretationen der Vergangenheit mischt, zeigt die beinahe verzweifelt anmutende Suche der katholischen Kirche nach Gemeinsamkeiten zwischen ihrem und dem islamischen Glauben. Nach seiner so viel Wut erregendenen Vorlesung in Regensburg will Benedikt endlich verstehen, was Muslime so besonders empfindlich macht und wie weit er, als Papst, ihnen entgegenkommen kann. Das Problem dabei, auch das macht Fischer hier sehr begreiflich:

Der größte Teil der islamischen Korandeuter kennt keine Textkritik, wie sie heute für die Bibel als selbstverständliches Recht von Historikern und Theologen, von Atheisten und Gläubigen in Anspruch genommen wird. Der Koran gilt für die allermeisten als göttliche Wahrheit, die fraglos geglaubt werden muss, und nicht (wie heute die Bibel) als Dokument jener schon so weit zurückligenden Zeit, in der er geschrieben wurde. Jede Kritik an ihm und am Propheten Mohammed ist deshalb für die absolute Mehrhheit nicht nur zu verdammen, sie muss aktiv bekämpft werden.

Diese Enzelheiten dieses Kampfs - von der aufgeregten Demostration auf den Straßen von mehrheitlich muslimischen Städten bis zum spektakulären Selbstmordattentat, die gefährliche Mischung aus neu erwachtem National- oder Clan-Stolz mit der Religion - setzt Heinz-Joachim Fischer hier als bekannt voraus. Ihm geht es nicht um globale, um weltliche Politik, sondern um die Antworten, die die katholische Kirche auf die aktuellen Streitfragen zwischen Islam und dem Westen gibt.

Als papstfreundlicher Katholik will er verständlich machen, wie sehr sich die Meinung der Kirche zu den früher so gefürchteten islamischen Feinden gewandelt hat, wie unendlich viel Mühe sich der jetztige Papst mit jenem gibt, die den Dialog statt der Konfrontation suchen.

Das gelingt dem bestens informierten Autor hundertprozentig. Auch wenn selbst er, der Papstkenner, nicht erklären kann, warum Bendikt XVI. den Islam in Regensburg derartig provozierte - er liefert eine spannend zu lesenden und sehr erhellende Analyse der früheren und derzeitigen Vatikanpolitik.

Bleibt nur die Frage: Muss man das alles wissen? Die Antwort heißt ausnahmsweise: Ja, man muss. Zumindest wenn man sich beteiligen will an Diskussionen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten (auch die gibt es, reichlich!) von Christentum und Islam. Dann ist "Zwischen Rom und Mekka" ein erstklassiger Reiseführer in die Welt der Moslems wie in die aktuelle Politik des Vatikans.










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